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Gärtner Dich gesund!

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Gärtner Dich gesund!

Was Hobbygärtner aus eigener Erfahrung wissen, bestätigen Wissenschaftler auf Basis ihrer Forschung: Gärtnern macht glücklich. Weil der Mensch beim Pflanzen, Pflegen und Ernten regelrecht aufblüht, wird Gartenarbeit immer häufiger auch als Therapie bei verschiedenen körperlichen oder psychischen Störungen eingesetzt.

Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: „Willst Du einen Tag lang glücklich sein, betrinke dich. Willst Du eine Woche lang glücklich sein, schlachte ein Schwein. Willst Du ein Jahr lang glücklich sein, heirate. Willst Du aber ein Leben lang glücklich sein, werde Gärtner.“ Wie in vielen Volksweisheiten steckt auch in dieser eine gehörige Portion Wahrheit. Denn tatsächlich macht Gärtnern gesund – und zufrieden. Glücksforscher nennen es „Flow“: ein Gefühl der völligen Konzentration, das alles andere um einen herum in den Hintergrund treten lässt. Kinder beispielsweise erleben dieses Gefühl regelmäßig beim Spielen, Wissenschaftler beim Forschen – und jeder kann es beim Gärtnern empfinden. Warum das Hantieren in der Natur den „Flow“ fördert? Experten wissen: Wer regelmäßig gärtnert, trainiert die Fähigkeit, in einem Tätigkeitsrausch zu versinken; er tut etwas Nützliches, lebt im Einklang mit der Umwelt, bewegt sich und kann sich auch über die kleinen Dinge des Lebens, wie eine aufblühende Pflanze, freuen. Folglich suchen immer mehr Menschen ihr kleines grünes Glück im eigenen Garten oder beim Guerilla Gardening in der Nachbarschaft.


In Kontakt mit den Elementen

Ein Garten ist aber nicht nur gut für die Seele des Gesunden, er vermag noch mehr. Als Baustein in einem Therapieplan etwa kommt Gärten eine besondere Bedeutung zu. Einer, der sich intensiv mit den positiven Auswirkungen von Gärten und Gartenarbeit beschäftigt, ist der Gartentherapeut Andreas Niepel. In den Helios Kliniken Holthausen im nordrheinwestfälischen Hattingen hat er bereits 1992 einen der ersten Therapieparks Deutschlands gegründet. Auf dem 150.000 Quadratmeter großen Gelände gibt es Therapiebereiche für Patienten mit ganz unterschiedlichen sowohl physischen als auch psychischen Krankheitsbildern. Sie finden hier Raum zum Rückzug und Ausgleich ebenso wie Bereiche, die der Kräftigung und Motorikschulung dienen. „Bei der Gartentherapie wird den Patienten mittels Aktivitäten in der Natur die Möglichkeit gegeben, beispielsweise den Wechsel der Jahreszeiten bewusst mitzuerleben“, beschreibt Andreas Niepel.

Der regelmäßige Naturkontakt löse darüber hinaus ganz von selbst Blockaden und mildere Stress-Symptome. „Gärtnern ist quasi eine Mikro-Exkursion für die Sinne. Beim Geruch frischer Blumenerde, dunkelbraun und duftend, in die man mit den Händen hineinlangt und sie zwischen den Fingern zerbröselt, können selbst die „Unerreichbaren“ nicht widerstehen“, weiß der Experte. Niepel meint damit Personen, die an Depressionen oder anderen psychischen Störungen leiden. Er erklärt: „Im Garten arbeiten wir mit den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer – oder genauer Temperatur. Damit besinnen wir uns wieder auf unser ursprüngliches Mensch-Sein.“ Der Effekt: Im Garten werden beispielsweise Motorik und Geschicklichkeit trainiert. Außerdem atmet man viel frische Luft, bewegt sich und tankt Licht, also Vitamin D. Und vielleicht das Wichtigste: Durch den Naturkontakt wird der Cortisolspiegel gesenkt und so Stress abgebaut.


Alles im Fluss

Entspannt nach Feierabend im grünen Wohnzimmer einkehren – das ist auch für Ottmar Hübner, Mitglied der Gärtner von Eden aus Stiefenhofen im Allgäu, das beste Workout-Programm. Als leidenschaftlicher Gärtner kann er vom Grün gar nicht genug bekommen: tagsüber planen und gestalten, abends einfach die Seele baumeln lassen inmitten des frisch gepflegten eigenen Gartens. „Das schenkt Lebensqualität und Entschleunigung“, findet Hübner. Wer darüber nur müde den Kopf schütteln kann, weil zu Hause der Rasen unbedingt mal wieder gemäht, das Unkraut gejätet und die Hecke beschnitten werden müssten, dem rät Hübner: „Jeden Tag eine Viertelstunde arbeiten. So bleibt alles im Fluss.“ Damit entspricht seine Einschätzung dem Grundgedanken der Glücksforscher: Der „Flow“ stellt sich ein, wenn eine optimale Herausforderung besteht, also die Anforderungen nicht zu hoch und nicht zu niedrig sind. Das passiert, wenn man sich konsequent einer Sache widmet und am Ball bleibt. Wer wiederum regelmäßig ein Flow-Erlebnis verspürt, bei dem steigt die Motivation, er tut etwas fürs Ich – und lebt glücklicher.

Inbegriff von Glück

So ist es für viele Büromenschen heute ein Inbegriff von Glück, nach getaner Arbeit in der Erde zu wühlen – oder den Tag gemeinsam mit der Familie im Schatten eines Obstbaumes ausklingen zu lassen. Die Mischung aus Aktivität und Entspannung gelingt dabei wie von selbst. „Die Gartenbegeisterung und Hinwendung zur Natur hat natürlich auch etwas ungeheuer Zeitgeistiges“, weiß Professor Thomas Stützel, Leiter des Botanischen Gartens an der Ruhr-Uni Bochum. Je mehr sich die Gesellschaft im Alltag von der Natur entfernt, umso stärker ist die Sehnsucht nach grünem Ausgleich. Warum Gärtnern gut ist fürs Ich, darauf glaubt der Forscher eine Antwort gefunden zu haben: „Im Garten findet man zu sich. Man versinkt geradezu in der Arbeit. Hier geht es um das Wesentliche – und fast alles ist aus eigener Kraft machbar. Das ist schön.“


Perfektionismus ade

An diesem Punkt setzt auch der Gartentherapeut Andreas Niepel an. „Gärtnern fördert das Gefühl von Selbstbestimmtheit. Immerhin gestaltet man selbst ein Stückchen Erde. Beim Ein- und Umtopfen, beim Anlegen von Beeten oder beim Unkrautjäten fühlen sich unsere Patienten gebraucht. Außerdem können Sie die Erfolge ihrer Arbeit bewusst beobachten“, so Niepel. Gerade für Patienten mit Burn-Out oder anderen Belastungsproblemen ist die bewusste sinnliche Erfahrung des Greifens, Fühlens, Riechens und Eintauchens in den Garten eine elementare Erfahrung, die sie wieder näher zu sich selbst bringt und die Mauer aus Stress und Angst durchbricht. Und die Gestressten lernen beim Gärtnern auch, dass es nicht immer darauf ankommt, alles perfekt zu machen. „Hier kann man auch mal Fünfe gerade sein lassen und muss nicht ständig alles kontrollieren“, beschreibt Niepel.

Gärtnern hilft aber nicht nur der Psyche sondern auch ganz praktisch dem Körper, etwa im Rahmen der Rehabilitation nach Unfällen. In speziell angelegten Übungsgärten lernen Betroffene wieder das Treppensteigen oder andere Formen der Bewegung. Auch für ältere Menschen bieten Therapiegärten den häufig vernachlässigten Naturkontakt. „Viele Senioren sind überglücklich, wenn sie einfach mal durch den Garten spazieren, den Duft von Rosen oder Tannen einatmen oder herbstliches Laub beobachten dürfen“, weiß Niepel.


Ein Stück vom großen Grün

Wer im Garten also die richtige Balance zwischen Muße und Arbeit findet, hat gute Chancen, glücklicher zu leben. „Einfach mal abhängen und nichts tun, das kann man im Garten wunderbar lernen“, weiß Professor Stützel aus eigener Erfahrung. So fördert das Leben in und mit einem Garten innere Harmonie und ist gleichzeitig gut für die körperliche Gesundheit. „Man nimmt sich Zeit für sich – und das ist gut fürs Ich“, ergänzt Stützel. Schreibtischtäter, die regelmäßig im Garten tätig sind, können ähnliche Effekte erzielen wie Fitness-Studio-Besucher. Und sie schaffen sogar noch mehr: „Es gibt Studien, die belegen, dass der Cortisol-Spiegel bei gleicher Anstrengung nur bei denjenigen gesenkt wird, die sich draußen bewegen“, weiß Gartentherapeut Niepel. Kein Wunder also, dass auch die Urban-Gardening-Szene boomt und jeder ein Stück vom großen Grün abhaben möchte.


Text
Esther Fernholz